Planer*innenseminar – Gegend oder Landschaft

AG Freiraum und Vegetation.

Ankündigung: PlanerInnenseminar 2021 in Adolphsdorf. 

Das für 2020 geplante Seminar wurde auf Herbst 2021 verschoben. Weitere Informationen folgen.

Gegend, Landschaft, Gegend
Moorhufensiedlungen der Teufelsmoor-Hamme-Wümme-Niederung

Veranstalter:  Arbeitsgemeinschaft Freiraum und Vegetation
c/o BSL (Geschäftsstelle), Elfbuchenstraße 16,  D-34119 Kassel
Leitung und Organisation: Helmut Böse-Vetter, Dr. Bernd Gehlken  und  Prof. em. Karl Heinrich Hülbusch
Ort: Seminarhaus 28879 GrasbergAdolphsdorf, Adolphsdorfer Str. 15a/  80

Gegend oder Landschaft.

Gegenstand des Seminars sind die Veränderungen der Landschaft , die sich in der Gegend nördlich von Bremen seit vielen Jahrzehnten vollziehen. Hier setzte vor rund 250 Jahren (1750 – 1820) der Landesausbau im Kurfürstentum Hannover mit der staatlichen Kolonisation der  Moorgebiete zwischen Hamme und Wümme durch die systematische Besiedlung mit Moorhufensiedlungen ein.

Seit den 1980er Jahren findet eine klammheimliche Flurbereinigung über die Pacht mit Wegfall der Nebenerwerbslandwirte statt. Es ist eine völlig andere Landschaft mit der sukzessiven Auflösung der Grenzen entstanden. Da dieser Prozeß nicht flächendeckend homogen erfolgte, wird diese Entwicklung, das zeitliche Nacheinander der alten und neuen Landschaften, noch sichtbar als ein räumliches Nebeneinander ‚altmodischer‘ und ‚fortschrittlicher‘ Wirtschaftsweisen mit ihren Zwischenstufen.

Inhalt des Seminars ist es, den Phasen der Veränderungen in den Siedlungen nach-zugehen und Beispiele für die charakteristischen Merkmale zu sammeln.
Diese sollen mit Fotos und Skizzen aufgezeichnet und  mit vergleichender Darstellung einer zeitlichen Reihe systematisch dokumentiert werden.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Umgebung von Worpswede von Künstlern als Sujet der Malerei und als Lebensort –eine Art innere ‚Kolonie‘-  entdeckt und erlangte seitdem erhebliche Bekanntheit. Was hat die Malerei in Worpswede und Fischerhude für Landschaften gemalt?  Gemeinhin wird gesagt, die Künstler um 1900 hätten Bilder vom Moor gemalt. Anhand einiger zeitgenössischer Landschaftsbilder wollen wir prüfen, ob das Moor oder nicht doch eher die Geest abgebildet wurden.

Wir haben überlegt, wie selbst nicht gemachte Erfahrungen gesammelt werden können. Noch gibt es alle Wechsel der Ausstattung vom ‘Original’ um 1960 – 70 bis auf großflächige Bewirtschaftungen, in der kein Stück der Merkmale der Wirtschaftshufen mehr vorkommt. Wenn wir die zur ‘Eichung’ unserer Bilder vor Ort anschauen, können alle an jedem Ort sagen welche Phase der Veränderung hier und da zu sehen ist.

Das scheint uns eine Vorgehensweise zu sein, nach der auch eine Übersicht der charakteristischen Merkmale aufgestellt werden kann: ein Merkmalsbuch für Ortsaufnahmen. Zweitens soll eine markante Abbildung versucht werden, wie sie z. B. für die Plätze in Bremen typisierend (s. Theiling,Chr.-1996, Notizbuch 44) gezeichnet sind.  Zeichnungen und Skizzen sollen geübt werden und sind Fotos vorzuziehen, die eher als Gedächtnisstütze als zur Abbildung herangezogen werden sollen. So kann die Veränderung aus den letzten 60 Jahren abzubilden und -wenn möglich- nach der Landschaftlichkeit einzuordnen sein. Die Auswertung zweier statistischer Perioden der Agrarstatistik – 1960 – 2010 wollen wir parallel versuchen. (s. Gehlken, B.- 1995 – Notizbuch 36).

Das Bild (links) von Birte Hölscher (2017) mit dem Titel ‘Äcker in Blau’ klärt die BetrachterIn darüber auf, dass sie eine Farbkomposition anschaut. Die Geschichte, die das Bild – unabsichtlich – ‘aktualistisch’ erzählt, scheint Nebensache zu sein: Weidezauntore führen auf Mais-Ackerland. Böse-Vetters Foto (rechts) vom April 2019 hat, weil wir alle so die Bilder -mit Vorder-, Mittel-, Hintergrund, mit Schichtungen oder Fluchtlinien in die Tiefe- auszuwählen gelernt haben, eine gleichartige Bildkomposition.

Reise in die Moorhufensiedlungen – Landschaftsbild als Indiz und Abbild der Landnutzung.

Es gibt Dokumente, Artefakte zeitbedingter Gestaltungen, die Herkunft und Geschichte ‘erraten’ lassen. In einer ‘jungen’ und vollständig vom Menschen überformten – bei Lichte besehen eine durch Tagebau geschaffene- Gegend (Bergbaufolgelandschaft), die rationalistisch vollständig aufgesiedelt wurde, ist zu erwarten, dass ständig ‘ursprüngliche’ Erscheinungen aufgehoben werden. Zur Zeit der Optimalphase der Kultivierung, die mit einer ökonomischen Konsolidierung der Bauernwirtschaften einhergeht – so um 1960 – setzt eine Intensivierung in der bestehenden Agrarstruktur ein, die sehr einheitlich ist. Das beginnt mit dem Übergang zu städtisch fundiertem Erwerb mit bäuerlicher Nebenerwerbswirtschaft. Der folgt bis auf Ausnahmen später dann – mit der nächsten Generation – die Betriebsaufgabe und Landverpachtung. Flankiert wird diese Umstrukturierung agrarpolitisch und – mit Auswirkungen auf die Bewirtschaftung – durch wasserbauliche Maßnahmen, die mit ‘Abschaffung’ der sogen. ‘Wasserhypothek’ (1960 – 1980) das absolute Grünland ackerfähig machen sollte.

Wir setzen die wirtschaftsbedingte Erscheinung und Naturausstattung um 1960 als „Stunde 0“, als Maßstab, zu dem hin die Veränderung des gegenwärtigen Zustands gemessen wird. Dieses Verfahren ist dem methodischen Prinzip von Ersatzgesellschaften zur potenziell natürlichen Vegetation vergleichbar. Wobei hier die pot. Nat. Vegetation auf die tendenziell fiktive Naturausstattung einer Tagebau-‚Landschaft‘ bezogen ist.

Die ersten Ersatzgesellschaften der pot. Nat. Vegetation der Moorbirken-‚Wälder‘ auf entwässertem Torf und/oder nährstoffarmen Sandersubstrat bei hoch anstehendem Grundwasserstand, sowie gestörter Wasserführung (Entwässerung) sind Caricion fuscae- kennartenlose Calthion- und Arnoseridion-Unkraut-Gesellschaften sowie sehr vielen punktuell auftretenden wie linear verbreiteten Begleitgesellschaften. Diese alle gediehen zur Zeit der konsolidierten Bauernwirtschaften um 1960 noch. Es gab auch noch nicht abgebaute Torflagerstätten, die nur extensiv bewirtschaftet und mit Erica-Calluna bzw. Gagelgebüschen bewachsen waren. Zwischen 1965 und 1970 wurden dann noch mal gravierend wirksame Entwässerungen (s.o.) durchgeführt, die das tendenziell ‚absolute Grünland‘ in ackerfähige Fläche verwandeln sollten. Jetzt, etwa 50 Jahre später ist der flächenhafte Entzug des Wasservorrats so weit fortgeführt worden, dass trockene Sommer immer als Katastrophe ausgerufen werden oder wie im benachbarten Lilienthal katastrophenverliebt als Klimanotstand herhalten müssen.

Seit ca. 1980 wird die Ausstattung und Erscheinung des Teufelsmoores, die Gegend mit den Moorhufensiedlungen, durch städtische – bis hin zur agrar-industriellen Besiedlung peu a peu umgewidmet. Insbesondere werden durch Neuformierung der Flurstücksgrößen die meist von ‘Niederforsten’ (s. Busch, D. 1996/NB 38) gesäumten Hufengrenzen aufgehoben, weil sie die flächige Bewirtschaftung ‘stören’. Die entfernten Bestandsstücke aus der Geschichte sind unsichtbar. Heimische sehen die Veränderung, zu der sie kontinuierlich anwesend sind, und halten fast wie Fremde das, was es grade gibt, für den historischen Bestand. D. h. nur die Erinnerung oder sekundäre Artefakte / Dokumente – Fotos, Bilder, topogr. Karten – können über die Veränderung Auskunft geben. Oder: der Vergleich von Orten, die noch altertümlich ausstaffiert sind mit solchen, die schon aktualistisch ‘modern’ sind.

Lehr-/Lerninhalte:

  • Landnutzung und Wirtschaftsgeschichte 18.-20. Jahrh.
  • Typologie, Struktur und Veränderung von Moorhufensiedlungen und deren Landschaftsbilder
  • Agrarstruktur, Bedeutung und Folgen staatlicher Lenkung und Förderung der landwirtschaftlichen Produktion (Agrar-Subventionen) und des Naturschutzes (Verbote und Erschwerniszulagen).
  • Landschaftsbild, Darstellung, Mitteilung und Wahrnehmung.

Zielgruppen:

  • Landschafts- und Freiraumplaner, Stadtplaner, (Kunst-)Historiker und verwandte Berufsgruppen
  • aus Verwaltung und freien Planungsbüros (Behörden, freiberuflich Tätige, Angestellte) sowie Studenten und wissenschaftliche Bedienstete (Hochschulen).

Vorgehensweise:

Einleitend werden zu Einzelthemen theoretische Überblicke, praktische Einordnungen und methodische Hinweise referiert und an Beispielen Anwendungen geübt/vermittelt.
Bei Übungen werden in Kleingruppen skizzenhafte Bestandsaufnahmen im Gelände an verschiedenen Standorten durchgeführt und nach Merkmalen/ Motiven typisiert. systematisiert. Vergleich der Aufnahmen mit (alten) Luftbildern und hist. Karten.
Durch Aufbereitung in Arbeitsgruppen wird der Vergleich nach Typen möglich und als Zeitreihe und räumliche Verteilung darstellbar. Die Ergebnisse werden im Plenum erarbeitet und diskutiert.
Die Dokumentation erfolgt mit Tabellen, Schemata, Ansichts-/Grundriss-Skizzen, Texten parallel zur Feldarbeit und der Aufbereitung des erhobenen Materials.

Helmut Böse-Vetter und Karl Heinrich Hülbusch                                   

Stand: 30. April 2020

Seminarverlauf

  1. Tag  03.10.20

14:00               Begrüßung, Übersicht über das Programm, Zur Moorbesiedlung
(1 Std)
15:00-18:00    Erste Aufnahmen: Eine Reise durch die Zeitbilder von der altertümlichen zur agrartechnischen Ausstattung.  (3 Std)
18:30               Abendessen
20:00-22:00    Teufelsmoor: Die Kultivierung einer Bergbaufolgelandschaft, Merkmale und Phasen (K, H. Hülbusch) ( 2 Std)

 

  1. Tag  04.10.20 

8:00                 Frühstück
9:00-12:00      Agrarstatistische Daten 1960, 1970, 2016 (Bernd Gehlken)      Exkursion: Geest, Vorgeest, Moor, Marsch –einige Gegenbeispiele (3 Std)
12:00               Mittagspause
13:00-18:00    Zum Aufnahmeverfahren:  Skizzen, Fotos, Typen. In Arbeitsgruppen an Beispielen üben und erproben  (H. Böse-Vetter)  (5 Std)
18:30               Abendessen
20:00-22:00    Vorstellung und Debatte der Aufnahmen; was zeigen Karten und Luftbilder? (2 Std)

  1. Tag Mo. 05.10.20

8:00                 Frühstück
9:00-12:00      Auswahl der Siedlungen/ Standorte. Aufnahmen in Kleingruppen
(3 Std)
12:00               Mittagspause
13:00-18:00    Aufnahmen in Kleingruppen (5 Std)
18:30               Abendessen
20:00-22:00    Aufnahmen  aufbereiten, 1.Versuch einer Typisierung.                      Diskussion und vorbereiten für Dienstag 9:00 (2 Std)

  1. Tag Di. 06.10.20

8:00                 Frühstück
9:00-12:00      Austausch der Erfahrungen zu den Abbildungsverfahren und weitere Aufnahmen in den Siedlungen sammeln. (3 Std)
12:00               Mittagspause
13:00-18:00    Beispiele /Fälle sammeln/ ergänzen und vorläufige Ergebnisse für die Abendversammlung   vorbereiten.  (5 Std)
18:30               Abendessen
20:00-22:00    Was haben wir bisher nachweisen können – vorläufiges Arbeitsergebnis, sachlich, systematisch, theoretisch. (2 Std)

  1. Tag Mi. 07.10.20

8:00                 Frühstück
9:00-10:00      Künstlerkolonie Worpswede – Übersicht (H. Böse-Vetter) (1 Std)
10:00-18:00    Exkursion zur Landschaftsmalerei und Moorkolonisation: Otto Modersohn-Museum Fischerhude, Kunsthalle Worpswede,Museumanlage Osterholz-Scharmbek.: Ausstellung: „300 Jahre FindorffMethoden, Geräte, Karten und Zeichnungen“.  (6 Std)
18:30               Abendessen
20:00-21:00    Fahrplan für die nächsten 2 Tage. Disposition und Dokumentation:  Thesen, Themen, Texte.  Wer übernimmt was und wie.  (1 Std)

6. Tag Do. 08.10.20

8:00                 Frühstück
9:00-12:00      Kurzes Resümee.  Arbeitsgruppen:  Dokumentieren und Formulieren, ggf. Nachsehen, Ergänzen. Austausch zu Typen und Systematisierung. (3 Std)
12:00               Mittagspause
13:00-18:00    Weiter wie vormittags: Dokumentation (5 Std)
18:30               Abendessen
20:00-22:00    Weiter wie nachmittags: Dokumentation,  Vorbereiten Resümee und Austausch zum  Arbeitsstand der Arbeitsgruppen. (2 Std)

7. Tag Fr. 09.10.20

8:00                 Frühstück
9:00-12:00      Vorstellung und Disposition der Arbeitsergebnisse. Zusammenfassender Überblick  Disposition des Reiseberichts. Redaktionsschluß. (3 Std)
12:00               Mittagspause
13:00-18:00    Weiter wie vormittags (5 Std)
19:00               Abendbrot 

8. Tag Sa 10.10.20

8:00                 Frühstück
9:00-10:00      Aufräumen, Packen, Schlusswort, Heimreise.

Literaturhinweise:

Bloch, E.: Herbst, Sumpf, Heide, Sezession. (1932) In: Verfremdungen II. Geographica. Frankfurt aM. 1964
Böse-Vetter,H. und Hülbusch, I.M. (Red.): Worpswede und umzu. Notizbuch 25 der Kasseler Schule. Hg.: AG Freiraum und Vegetation. Kassel 1998.
Busch, D. : Der Wall mit Strauch und Baum.  in: Notizbuch 38 der Kasseler Schule. StadtBaumSchule. S.280-288. Hg.: AG Freiraum und Vegetation.Kassel 1996.
Busch, D. : Hecken und Heckenschützen.  in: Notizbuch 38 der Kasseler Schule. StadtBaumSchule. S.289-321. Hg.: AG Freiraum und Vegetation.Kassel 1996.
Gehlken, B.:   H. Böse-Vetter u. K.H. Hülbusch (Red) Von der Bauerei zur Landwirtschaft.  in Notizbuch 36 Alles Quecke …. der Kasseler Schule. S.200-291. Hg.: AG Freiraum und Vegetation.Kassel  1995.
Hülbusch, K.H.:  Synusiale Sigma-Gesellschaften. In:  Mitteilungen der Floristisch-soziologischen Arbeitsgemeinschaft (alte Serie)NF_21: 49 – 53. Göttingen 1979.
Hülbusch, K.H.  und Theiling,Chr. (Red.) Notizbuch 44 der Kasseler Schule. Hg.: AG Freiraum und Vegetation. Kassel 1997.
Konukiewitz, W. und Weiser, D. (Hg):  Die  Finndorff-Siedlungen im Teufelsmoor bei Worpswede.  Bremen 2012
Lilienthal. K.: Jürgen Christian Finndorffs Erbe.  Osterholz-Scharmbeck 1931. NACHDRUCK: Lilienthal 1982.
Müller-Scheeßel, K.: Jürgen Christian Finndorff und die Kurhannoversche Moorkolonisation im 18. Jahrhundert. Hildesheim 1975. Neudruck: Fischerhude 2020.
Rilke, R.M.: Worpswede. (1902) Bremen 1979.
Schmoll, F.: Landschaft, Kulturlandschaft, Heimat. In: Umweltforschung, Band 52 der Hess. Blätter für Volks- und Kulturforschung. S. 15-24. Hg.: Hess. Vereinigung für Volkskunde. Marburg 2019.