Notizbuch 61

Wer lehrt, lernt. Wer nichts lernt, kann nicht lehren.
K. H. Hülbusch, H. Troll et al. (Red.)
(2003) DIN A5, 254 S. (374g) (11,50 Euro)

Jeder LeserIn lernt beim Lehren ständig über die Sache und das Lehren hinzu. Wenn die LehrerIn dieser Tatsache Ausdruck verleiht, die SchülerInnen sicher sein können, ist der Auftrag, daß sie Wert- und Ernstgenommen sind, ist der Auftrag, das Lernen zu ermöglichen und die Rolle des Lehrers zu delegieren, erfüllt. Prüfungen, von denen schon H. v. Kleist sagt, dass sie ungehörig und unanständig seien, weil sie der Macht des Amts dienen und davon ablenken, dass die LehrerIn Autorität nur über die Lehre erhält und nicht über den Machtmissbrauch der Prüfungen. So wie die Einsichten über die Sache, der Zugewinn an realer Sachkenntnis nur behalten bleibt, wenn der Sachstand aufbereitet und dokumentiert, prüfbar dargelegt wird, ist erforderlich auch die Darlegung der Lehren über da Lehren. Was gemeinhin die Pädagogik genannt und klärt wie gelehrt und gelernt wird. K. Jaspers spricht von der ‚Strenge an der Sache’, damit die Lehre sokratisch gegeben werden kann.
In diesem Notizbuch sind vor – bereitende und nach – tragende Überlegungen zu lehrenden Lernen und lernenden Lehren aus etwa 15 Jahren gemeinsamer Arbeit in Betreuungen (Studier-, Projekt- Diplomarbeiten) und vor allem aus Kompaktseminaren zusammengetragen. Die Essays sind immer an den Widersprüchen in der Lernsituation – ‚das Erzählen und die guten Absichten’ (St. Nadolny) – und dem Dilemma des Lehrens, das zu Recht immer irritiert ist, weil LehrerInnen wie Eltern, LehrmeisterInnen wie SchülerInnen nie abzuschätzen wissen, ob das Leben zu leben ist, mit dem, was gelehrt und gelernt ist. Die Angst der LehrerIn lässt Sanktionen hilfreich erscheinen. Die gegenwärtige Forderung nach der vegetativ, also geklont vermehrten LehrerIn und SchülerIn ist verständlich, wenn diese Unsicherheit wunschgemäß effektiv aufgehoben werden soll im ‚Standard der Zurichtung’.
‚Stellt euch vor, es geht.
Und keiner kriegts hin.‘
Die Lehre geht; das ist da Votum der Beiträge, in denen die Misserfolge nicht verschwiegen werden, damit daraus Lehren zu ziehen sind. Die ‚Lehren’ sind kein Rezept. Wenn neben vielen Gelegenheiten im Alltag an der Hochschule vor allem die Lehren an und aus den Kompaktseminaren ‚Ein Stück Landschaft’ und den PlanerInnen-Seminaren ‚Ein Stück Stadt’ dominant vertreten sind, hat das gute Gründe. Die Lerngesellschaft auf Zeit, auf der ‚Insel der Gleichseligen’, erinnert ein wenig an den Traum der Künstlerkolonien. Das Glück besteht darin, dass wir wieder nach Hause kommen dürfen, weil die Ausnahme nicht dauernd gelebt aber behalten werden darf. Und jede/r damit machen darf was daraus plausibel geblieben ist.

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Notizbuch 60

Alle Pflanzen färben irgendwie Gelb
K. H. Hülbusch & G. Moes (Red.)
(2002) 88 S. und 2 Paletten (Farbtafeln DIN A2). (150g) (11,50 Euro)

Wer einen Ort verstehen will, muß die Nützlichkeit verstehen lernen. Die Botaniker des 16. und 17. Jahrhunderts (Gesner, Fuchs u.a.), C. v. Linne´ in der Lapplandreise, A. v. Humboldt in seinen Reiseberichten – nicht zu vergessen Försters Reiseberichte – haben dem Gebrauch die Aufmerksamkeit des Verstehens gewidmet. Sie waren natürlich immer auch in kolonialem Auftrag unterwegs. Wenn wir der Nützlichkeit nachgehen, sind wir eher auf der Fährte vergessener Künste, der immer auch ein Hang zum Volkstänzerei, zur Folklore angedichtet wird. Die LandschaftsplanerIn steht immer in dem Dilemma zwischen Verstehen und Handeln. Landschaftspfleger, i.w.S. Naturschützer verstehen nichts und haben keine Bange administrativ zu Handeln, also einzugreifen, unverständig aber machtvoll legalisiert. Ein Seminar zum Färben mit Pflanzenfarben hat tatsächlich von Haus aus eine Neugier für den eigenen Gebrauch. Diese Neugier ist nebenher das Sprungbrett für die Geschichte und Ökonomie des Färbens – was heißt den schon betucht – und der getragenen Farben. Sammelwirtschaft für die häusliche Winterarbeit ist dabei von der hofierten manufakturellen Färberei, die eingekauft werden musste, zu unterscheiden. Spannend ist, dass gegenüber der Ratgeberliteratur und der professionellen chemisch auf Inhaltsstoffe kaprizierten Literatur, die immer nur die reinen, an technischen Schemata orientierten Färbungen hofiert die Metallsack nuancierte Färbung (Nuancierung) mehr zeigt, als die Primärfarbe erkennen lässt: also – die Paletten. Die primäre Färbung wird völlig unabhängig von der Farbe erst geordnet, wenn die Nuancierung ist Metallsäcken hervorkehrt, was vorher unsichtbar enthalten war. Damit sind die Pflanzenfarben nicht nur besser nach dem ‚Ausdruck’ zu erkennen. Damit wird zugleich die Möglichkeit der Malerei auf Geweben eröffnet, die u. E. in der klassischen, gemalten Batikfärberei selbstverständlich war.

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Notizbuch 59

Über kurz oder lang – Die Handlung macht den Ort. Die Herstellung der Orte kann nur von der Handlung lernen
D. Kuhle & N. Witzel
(2002) DIN A5, 188 Seiten. (294g) (9,25 Euro)

Promenieren ist so alltäglich handelnd wie leben. Wenn’s dazu einen Ort, Promenade genannt, braucht, kann niemand mehr promenieren, so dass dieser Auftritt paradieren zu nennen wäre. Lawrence Wylie (Dorf in der Vaucluse) hat in seiner immer noch unübertroffenen Studie, die soziologisch ist – ohne voyeuristisch zu sein, die Promenade im Sinne einer Handlung beschreiben. H. de Balsac hat ‚in der Theorie des Gehens’ (ca. 1850) sehr sorgfältig den Auftritt, die Parade und die Promenade unterschieden und literarisch mit der Art und Weise der Schreibe vergleichen. Gehen und Schreiben sind in der Promenade zuhause; nicht im Auftritt oder Parade, die eine Bühne benötigen aber kein Zuhause haben. Die ‚symbolischen Formen’ (Bourdieu, ….) sind deshalb äußere Instrumente der Einschüchterung oder Vereinnahmung, die Einübung und Unterwerfung voraussetzen. Die Promenade ist eine allgegenwärtige Handlung, die nur verhindert worden kann, wenn die Promenade gebaut und deklassiert, ausgeschildert wird, also nicht allgegenwärtig möglich ist.
Beim Friedhof braucht die ‚Promenade’ nicht erfunden werden (H. Troll 1996), weil die praktischen und sparsamen Regeln des Grundrisses das eingeschrieben haben; so, dass es niemand verstehen, nur akzeptieren muß. Die Schlaumeier theatralischer Urbanität erschrecken nicht einmal davor zurück, geheiligte Rituale theatralisch zu verhunzen. Wenn mit Gestaltung für den äußeren Schein irgendeine Änderung deklassiert wird, dann ist die wirkungsvolle Absicht den Propagandisten nur vage bekannt. Eine Folge davon ist, dass die Verursacher ständig an den Mängeln herumlaborieren und sanieren können. Was K. Marx für die Kapitalisten beschrieb, gilt ohne Einschränkung für alle Modernisierer. Es geht nicht darum, Änderungen grundsätzlich zu widersprechen. Wer aber etwas so ändern will, dass es Bestand haben könnte, müsste erst mal verstanden haben, was es gibt. Nein, nicht äußerlich und geschmäcklerisch sondern vom Geist und Gedanken kommunalen und individuellen Handelns. Die so genannten ‚ Lösungen’ bewirken nur Katastrophen, bis am Ende niemand mehr weiß, was einmal selbstverständlicher Wissensbestand war. Der muß dann, wie in den Beiträgen dieses Notizbuches, vom Schutt modernistischer Proklamationen freigeschaufelt werden. Die Vermutung, dass der Müll an Lösungen mit der Absicht hergestellt wird, die Grundrisse der Erfahrung und des Wissens zu verschütten, damit, wie J. Berger erzählt, der Bestand nicht nur vergessen sondern unauffindbar wird. Wer etwas über Freiraumplanung verstehen will, muß zuerst den postmodernen Abfall beiseite schaufeln. Den Arbeiten von N. Witzel – Promenaden, Wege und deren gesellige Pausen im Alltag – und D. Kuhle – Friedhofsmoden – Vorkommen und Folgen modischer Gestaltung – sind die Nachdrucke zweier Beiträge von R. Hochhuth zur ‚Eschweger Friedhofsordnung’ zum älteren Nachgedenken beigefügt. Von K. H. Hülbusch gibt es zwei Beiträge für den Unterschied zwischen Straße (Promenade) und die Straße als Grünzug. Alte Texte haben neben der Altertümlichkeit auch schöne Merkposten zur Hand: W. v. Staden (1912): ‚ländliche Friedhöfe’. Den Bürgerschreck der Graffitis, der Zeichen geheimer Anwesenheit, gibt M. Engelmoor zu bedenken, auf. Das ärgerliche besteht in der subversiven Vorgehensweise, die der politischen, administrativen und entwerfenden Willkür nur folgt wo die Handlung so tut, aber ob sie widerspräche. Das ist eben nur eine Machtfrage nach den Strategien militärischer Operationen getrimmt wird. Also: ich mache mir meinen Freiraum, ohne Deinen zu stehlen.

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Notizbuch 58

Licht und Schatten – Herstellungsplanung
F. Bellin / K.H. Hülbusch (Red.)
(2003) DIN A5, 258 Seiten. (392g) (13,25 Euro)

Manche Überlegungen bedürfen, wenn sie schon fertig scheinen, noch der Herstellung. Der Hauptanteil des Notizbuches besteht aus den Erträgen des PlanerInnenseminar vom März 2001 in Wollingst – ‚Planen unter unmöglichen Vorgaben’ – sozusagen eine Karikatur zum alten Lamento der Grüngestalter, dass sie immer zu spät gefragt werden. Hinter vorgehaltener Hand: früh gefragt, hatten sie nichts zu sagen gewusst. Der Auftrag im Seminar – jede/r bringt einen Fall mit, jeglicher Umbau oder Abriß ist ausgeschlossen’ – und mach einen unter Umständen klugen Plan, keinen Entwurf. Denn i.d.R. ist Bauentwurf schon genug Karikatur gegen den praktischen Gebrauch. Es ist also nicht nötig noch blöder zu sein. Freiraum und Herstellungsplanung konkurriert nicht mit dem Bauentwurf und darf im Hinblick auf die erforderlichen Mittel ohne Not sparsam sein. Wir verraten nur, dass die ‚unmöglichen Vorgaben’, die ja so verwirrend und einzeln erfunden tun, aus zwei Typen mit ähnlichen Variationen bestehen.
‚Die Erträge des Herren K.’ (H. Troll) führen in die Ambivalenz der prognostischen Erinnerung ein. Eine Ausstellung mit Eröffnung (F. v. Behren) macht den Unterschied zwischen Herstellung und Objekt deutlich. Nach dem Hauptteil – ‚in unmöglichen Vorgaben’ – oder: ‚Man kann den Wind nicht ändern, aber die Segel richtig setzen’ – folgen noch ein Plan für den ‚Friedhof Arolsen’, ‚Zwei Lindenbäume’, ‚Nachtragende Herstellungspflege’, abgewiesene Leserbriefe und weitere Beiträge, die zum Tenor des Notizbuchs passen.

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Notizbuch 57

Die Kunst des Gärtnerns. Der Gartenbau in vier Abteilungen oder die Hausgemüsewirtschaft
F. Bellin, K. H. Hülbusch & al. (Red.)
(2001) DIN A5 / 220 Seiten. (330g) (11,50 Euro)

In der Ratgeberliteratur für den ‚Hausgarten’ wird angestrengte ‚Schönheit’ oder exklusive Ernte offeriert. In ‚Kraut und Rüben’, einer Werbezeitung für den Handel mit exklusiven Schaustücken wird unter dem Segel der Ökologie’ schöner Wohnen bunter gemacht. Und alle diese Schönheiten sind natürlich sinn-, nutz- und arbeitslos. Die Hausgemüsewirtschaft ist dagegen sinnig, nützlich und mit vergnüglicher Arbeit ausgestattet. Die Schönheit eines gut gediehenen Gemüsegartens ist ökonomische Natur und offeriert gleichzeitig die Kenntnis und Fertigkeit der GärtnerIn auf dem Feld und in der Küche. Mit 40 ForscherInnen haben wir uns zehn Tage lange auf eine Expedition durch die Gärten Großstelzendorfs, einer klassizistischen Siedlung in niederösterreichischen Weinviertel, begeben. Traufständig gereihte Wirtschaftshufen sind hier die Regel, so dass Unterschiede der Wirtschaft auf der Wirtschaftshufe nicht in Unterschieden des Bauens und der Verfügung begründet sein können, sondern wahlweise erfolgt. In der Wahl selber können wir nach den Gründen fragen, nicht nach den Absichten, sondern nach den Vorwänden. Mit den klassischen Mitteln der Abbildung nach den Merkmalen – hier natürlich die angebaute Vegetation – haben völlig unprätentiös eine Typisierung der ‚Gärten’ (i.w.S.) nachweisen können, die vom Kohlgarten bis zur Grünfläche reicht. Hier, können wir konstatieren, dass ganz im Gegensatz zur Reihe vom Haus über das Gebäude bis zur Geschosswohnung, die ja qua Vorfertigung ideologisch und ökonomisch verordnet wird, für alle Beteiligten die gleiche Wahl oder Wahllosigkeit besteht, die Ungleichheit also selbst erwählt ist. Wenn wir vergessen, dass Unkenntnis mit Propaganda hergestellt wird und über 200 Jahre Grünraumgestaltung nicht spurlos bleiben. Jetzt kann man feststellen, dass die dumme Arbeit erst seit 20/30 Jahren ins Haus eingezogen ist. Die Gartentypen in Großstelzendorf könnten wir deshalb auch nach Generationen sortieren: die praktischen und kenntnisreichen Alten und die fleißigen, aber völlig unfähiger Jungen. Indem wäre noch eine Soziologie nach der vergnüglichen Sparsamkeit und der unvergnüglich anstrengenden Vergeudung, die nicht altersgebunden ist, darin enthalten. Da die Befragungsempirie so verlogen ist, haben wir einfach die 65 Gartenaufnahmen nach Merkmalen geordnet und sind dabei – am zufällig gewählten Ort – auf 6 Typen vom Kohlgarten bis zum ‚Bongert’ (Baumgarten) gekommen, die überall so zu finden und sogar zu völlig verschiedenen Bautypen abhängig von der Kenntnis und Entscheidung der Einwohner anzutreffen sind. Wieviel Wissen in einem Hausgemüsegarten und Können vonnöten ist und wie viel Verzeugung zur Haltung eines ‚Mühseligen Gartens’ – einer gepflegten Brache – gehört, ist nach den Tabellen der Gartenausstattung nachvollziehen. Für die LeserIn ist der Leseweg durchaus anstrengend, weil neben den ‚Garten’-Typen die materiellen Mittel der Kulturen von der Hackfrucht bis zu den Gehölzen vom Gemüse – über die Gewürz– und Heilkräuter, vom Frischgebrauch, der Konservierung, den Körnerernten und den Lagergemüsen verhandelt wird– also, alles was für die Hausgemüsegärtnerei zu bedenken ist.

„Ja, Zuckererbsen für Jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen“ (Heine, H. 1884)

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Notizbuch 56

Die Boden-Rente ist sicher. Beiträge zur Organisation des Bau-, Siedlungs- und Freiraumgrundrisses (Teil 2)
K.H. Hülbusch (Red.)
(2000) DIN A5/332 Seiten. (488g) (15,25 Euro)

Der morgendliche Blick ins nächste Käseblatt – nicht zur Dauertherapie zu empfehlen – verschlägt immer wieder den Atem. W. D. Narr hat 1981 empfohlen, statt jedem Tag neue Wunden in die eben vernarbte zu schlagen, eine ‚systematische Aufforstung der Kenntnisse des Wissens, der Erfahrungen zu befördern’. Ja, es wäre wohl an der Zeit eine ‚Pisa-Studie’ über die Nieten der Nadelstreifen’ anzufertigen, deren Weissagungen von Tag zu Tag abstruser und großspuriger, tendenziell kolonialistischer werden.
Mit der Haus-, Gebäude-, Siedlungsgrundrisskunde wie mit der darin enthaltenen Kunde von der Organisation der Freiräume hat die Lehre des Entwerfens nichts zu tun. An diesem wohlfeilen Grunde gibt es auch keine Lehre über den professionellen Gegenstand des Studierens (und Lehrens), der in philanthropischen, ökonomischen und ein bisschen historisierendem Versatzstückrepertoire eingeübt wird. Es ist doch merkwürdig wie ungebildet die Entwerfer (Stadt-, Bau- Grün-) im Hinblick auf die Gegenstandsgeschichte ‚ihres Objektes’ sind – oder gerade, weil es für sie Objekte und keine Gebrauchsgegenstände sind. Die von Fehl herausgegebene Reihe bei Christiensen (Hamburg) ist ein kluger Vorschlag zur wissentlichen Anhäufung geschichtlicher Produkte, der Absichten und Folgen für die berufliche Reflexion, die völlig ignoriert wurde. Der Reihe mag alles angeheftet werden können; nicht aber Ignoranz, Opportunismus und Dummheit. Der Vorwurf, sie sei ev. Zu historistisch, ist völlig unsinnig, weil diese Kenntnis erforderlich ist, damit die unverstandenen Anleihen und Behauptungen erkannt werden.
Den Beiträgen der ‚Guten Baugründe – II’ ist der geschichtliche Vergleich immer an den gegenwärtigen Verheißungen gedient, also am Fall ausgebreitet und nicht systematisch dargelegt. Und, wenn die Darlegung einer Historie angesagt ist – M. Poguntke/Straße und Hausplätze in Friedrichstadt -, gilt diese nicht vornehmlich der Geschichte sondern dem Verständnis der Gegenwart und der Geschichte, die darin bisher übersehen wurde. Bis auf eine Darstellung aus den frühen Siebzigern zur Boden- und Differentialrententheorie (H. Bäuerle 1972/73), deren Kenntnis noch heute empfehlenswert sind, haben alle Beiträge den Anlaß in gegenwärtigen Versprechungen: ’Vom Wohnen in der Sackgasse, ‚Frauengerechtes Städte- und Wohnungsbau’, ‚Zur kritischen Rekonstruktion’, ‚Zum frauenspezifischen Siedlungsentwurf’ – bzw. in bewussten Widerspruch zu den Verheißungen bzw. Vereinnahmungen gefunden. Im Beitrag von B. Auerswald u. H. Lechenmayr wird ein Beispiel für die Lehren aus einem Auftrag vorgetragen: Worauf muß worin geachtet werden? Dieser praktische, d.h. theoretisch begründete Vorschlag, besteht aus der Berufung auf das historische Wissen, das an den anderen Beispielen und Vorträgen (u. a.) zwar verhandelt, nicht aber in Regeln umgemünzt wurde. Das ist nicht schwer zu verstehen, wenn bedacht wird, dass ausschließlich dieser Beitrag aus einem Planungsauftrag hervorgegangen ist.

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Notizbuch 55

In guter Gesellschaft. Beiträge zur Pflanzensoziologie, Vegetations- und Landschaftskunde (Teil 2)
K. H. Hülbusch (Red.)
(2000) DIN A5 / 356 Seiten. (518g) (15,25 Euro)

Die 18 Beiträge reichen von der Vergesellschaftung dieser oder jener Art, Nachlesen zu bekannten Pflanzengesellschaften, über vergleichende Betrachtung der Dynamik, räumlichem Nebeneinander und zeitlichem Nacheinander verschiedener Pflanzengesellschaften – Stadtvegetation, Feldgraswirtschaft, Versaumungen, Dünenserie, Calluna-Zwergstrauchheiden – bis zur Analyse der botanistischen Willkür der Feststellung legitimierter oder illegaler Assoziationen, Verbände, Ordnungen und Klassen unter dem Titel ‚Klassenlotterie’ (B. Gehlken). Unter diesem Motto stehen vom Vorwort bis zu den Buchbesprechungen alle Beiträge des Notizbuches. Ob jetzt das ‚knollige Rispengras in Scherweiden’ (G. Moes u. B. Sauerwein), die Riesenbärenklausäume (M. Machatschek), die ‚Prüfung gealterter Aussaaten auf wassergebundenen Decken (H. Mölleken), das ‚Knautietum dipsacifoliae im französischen Jura’ (E. J. Klauck), die ‚Stadtvegetation von Paderborn’ (K.H. Hülbusch), die ‚Feldgraswirtschaft’ (P. Kurz), ‚Versaumungen in Bockholmwik’ (B. Gehlken, M. E. Granda Alonso, P. Kurz) oder die ‚Dünenserie in Bockholmwik’ (F. Florin) vorgestellt werden, immer sind die Beiträge sorgfältig nach der Neugier, der pflanzensoziologischen Abbildung und Systematisierung, Einfügung in den Wissensbestand, die Interpretation zur Geschichte des Phänomens und die Auslegung geordnet. In keinem Beitrag kommt der Kratzfuß an einen ‚Auftraggeber’ und dessen normative Interessen vor. Dafür aber selbst im ‚kleinsten’ Beitrag neben der sorgfältigen Ordnung der Diskussion eine jeweils üppige Vergleichung mit vorhanden Kenntnissen aus literarischen Quellen. Der LeserIn ist zu empfehlen, ganz im Gegensatz zur redigierten Reihenfolge, mit der ‚Klassenlotterie’ – Pflanzensoziologie zwischen Vegetationskundigkeit, Formalismus und Technokratie – von B. Gehlken zu beginnen. Was in den anderen Beiträgen nur angesprochen oder gar selbstverständlich wissend vorausgesetzt wird, ist in dieser Untersuchung ausführlich dargelegt: das Hinsehen, die Neugier der Gegenstandskenntnis und des Gegenstandsverständnisses der Abbildung, dem systematischen Vergleich und der verschiedenen Gattungen des Schreibens in einer Darlegung. Im Gegensatz dazu wird der pflanzensoziologische Ökologismus, die ‚Wissenschaft im Dienste des Auftraggebers und der Geldquelle’, die ‚Klassenlotterie’ mit bemerkenswerten Beispielen positivistischer Willkür analysiert.

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Notizbuch 54

Gute Bau-Gründe
H. Böse-Vetter & K.H. Hülbusch (Red.)
(2000) DIN A5/296 Seiten. (432g) (13,25 Euro)

Gute Bau-Gründe gibt es viele, wie man bereits bei J. F. C. Turner 1978 nachlesen kann. Wer dann auch noch dort zuhause (Bausinger , H. 1980) sein will, wo er baut oder kauft, der ist mit einem Haus gut beraten. Wer spekulieren will, kann sich immer noch im Verscherbelungsfundus der Wohnungswirtschaft, egal ob ‚Gemeinnützige‘ Wohnungsbaugesellschaften (vgl. Günther, R. 1982), Treuhand oder Privat-Investoren bedienen, und darauf vertrauen, daß die Rechnung dank Förderung, Sonderabschreibungen und sonstigen Subventionen unterm Strich aufgeht. Die Rechnung für Fehlschläge zahlen in der Regel ohnehin die Mieter. Die Wohnungswirtschaft ist unter der Voraussetzung externer staatlicher Bezuschußung durchaus ein einträgliches und lukratives Geschäft, bei dem der permanente Bankrott nur deshalb nicht auffällt, weil die Fehlschläge aus öffentlichen Mitteln beglichen werden. Die Spekulation geht aber nur auf, solange Knappheit herrscht, bzw. diese künstlich aufrechterhalten wird, denn Zeiten eines entspannten Wohnungsmarktes sind immer auch die Phasen des Leerstandes, der Verwahrlosung der Wohnungswirtschaft, so daß in solchen Phasen der wohnungswirtschaftlichen Baisse der Markt der Nach- und Wohnumfeldverbesserung blüht. Obwohl es innerprofessionell zum guten Ton gehört, jeweils in das Gejammer um die schlechte Auftragslage und die Aquisitionsschwierigkeiten einzustimmen, wechseln die Gegenstände zyklisch von der Objekt- und Ausführungsplanung im Zuge von Neubau hin zu vergleichbaren Aufträgen im Zuge des Umbaus und der Nachbesserung. Seit den 20er Jahren sind die Arbeitsplätze und die Aufträge von Architekten und ebensolchen in Grün dauerhaft in den Entwürfen perpetuiert. Es gibt wohl kaum ein Berufsfeld, was derart konsequent von permanenter Nachbesserung ihrer eigenen Produkte lebt, wie die Architektur und Grünplanung, und das auf Kosten derer, die da wohnen. Dabei gäbe es, durchaus brauchbare und bewährte Vorbilder, nämlich das Haus in einer „Haushufenerweiterung“ (Beekmann et al. 1996), die man kopieren könnte, ohne irgendetwas neu erfinden zu müssen (Culot 1986). Daß das brauchbarer, ökonomischer und ertragreicher ist, wird anhand zahlreicher Einzelbeiträge debattiert und dargestellt, quasi eine professionelle Schützenhilfe in guten Bau-Gründen. Die fiktiven Zweifel und Vorwände der Modernisierer gegen das Haus und eine Straßenerweiterung fußen in erster Linie auf der Unkenntnis des Gegenstandes. So nachzulesen bei den Architekten (Gropius et al.), der Grünplanung (vgl. Däumel, G.‘s Kritik zu J. Jacobs ) oder der Soziologie (M. Steinrücke & F. Schultheis in P. Bourdieu & al.). Zynischerweise sind dabei die lautesten Gegner des Hauses immer schon die gewesen, die über ein solches verfügten.

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Notizbuch 53

Alle reden vom Land … und andere Texte zur Landschaftsplanung
K. H. Hülbusch
(1999) DIN A5 / 232 Seiten. (342g) (11,50 Euro)

Wer als Städter aufs Land geht, schult seinen Blick am besten darin, in den Landschaften durch die er fährt oder wandert, die Spuren der Arbeit zu sehen, denen die Landschaft ihr Aussehen verdankt. Wenn R. Tüxen 1974 das Ziel der Vegetationskunde darin sieht, das Verstehen der Vegetation aus der Anschauung heraus zu ermöglichen dann ist die „pflanzensoziologische Spurensicherung“ von K.H. Hülbusch von 1986 eine nachvollziehbare Wegbeschreibung dahin. Die Handschrift, die hier trägt, versammelt an allen Gegenständen die Neugier (E. Jaeggi, 1986), das Wissen und die Routine des Vegetationskundlers, solide in der Arbeit und sparsam im Material. Das Heft ist also auch eine Sammlung zum Handwerk des Vegetationskundlers, an dessem Ende als Ertrag Verstehen, also ein Reichtum an Einsichten steht. Die Arbeiten sind damit durchaus nicht zeitgeistgemäß, zumindest nicht derart, daß sie die modernistische computergstützte Datensammelei hofieren, die am Ende mit einer pauperisierten Gedankenleere aufwartet. Das fällt auch in der Sprache der Texte auf, die anders als die Gedankenhetzerei innerhalb der gängigen Forschungslandschaft, die vom permanenten Konkurs, vom Abfrühstücken und dem permanenten Stellungswechsel lebt, man braucht dazu nur die schnellebige Modernisierung der Sprüche von ökologisch, regional, nachhaltig, frauenspezifisch, …usw. herzunehmen, erfrischend altertümlich nachgedacht sind und sogar gelesen werden können. Zum Beruf des Vegetationskundlers gehört neben der Sorgfalt der Beobachtung und Beschreibung, der Erinnerung auch ein „Gespür“ (Høeg, P. 1990) für die Gegenstände und die Richtung in der sie einsichtsreich gewendet werden können. So reichen die Wurzeln jüngerer Arbeiten zum Grasland und zum Grünland weit zurück bis zum abgedruckten Text von 1969 zum Poo-Rumicetum obtusifolii Hülb.69. Das heute flächenhafte Phänomen der landwirtschaftlichen Grasland-Ackerei tauchte 1969 erst als Randphänomen längs von Flüssen oder hochgedüngten Wirtschaftsflächen auf. Der rote Faden späterer Fragestellungen und Einsichten wird in dieser frühen Arbeit bereits angelegt. Die bürokratische Fraktion innerhalb der Pflanzensoziologie hat das Phänomen damals wie heute ebenso übersehen und verdrängt (vgl. Prodomus der Grünlandgesellschaften von Dierschke 1998), wie ihren eigenen Anteil an der Modernisierung des Primärproduktion auf dem Land. Das Schicksal der Kassandra ist die Weitsicht, geboren aus der Kenntnis der Geschichte, wohingegen die Ungläubigkeit der Modernisierer und Gegenmodernisierer (P. L. Berger, B. Berger, H. Kellner) Ergebnis der Unkenntnis der Geschichte der gegenwärtigen Erscheinungen ist. Nur wenn die Folgen der bisherigen Etappen der Modernisierung professionell verdrängt werden, können die Verheißungen einer besseren Zukunft auch weiterhin verkündet werden (Berger, J.). Das ist innerhalb der Wissenschaft nicht anders, als in den politischen Landschaften, die regelmäßig übersät ist mit Gedächnislücken quasi kognitiven ‚schwarzen Löchern‘ angesichts der Überprüfung schwarzer Konten. Planerische Prognosen auf der Basis der Prüfung von Folgen und Konsequenzen sind in den Augen von Modernisierern immer ‚subversiv‘ (P. L. Berger & H. Kellner 1984), weil ihnen weniger am Geschäft bzw. der Legitimation offizieller Deklarationen gelegen ist, denn am Verstehen. Der Blick, den die hier versammelten Arbeiten eröffnen, ist immer von der Neugier des Städters geprägt, der auf dem Land nach Bekanntem und Verstehbarem sucht, also immer auf der Basis des mitgebrachten Wissens und der Kenntnisse den Blick für die Arbeit und ihre Produkte schult. Professionell eine unumgängliche Voraussetzung der Sympathie für Land und Leute. Denn nur wer den Alltag und die Arbeit ernst nimmt und versteht, kann Rat geben ohne zu verraten (S. Groeneveld) und den eiligen Verheißungen des Fortschritts auf dem Lande (K. H. Hülbusch & D. Lecke 1975) widersprechen.

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Notizbuch 52

Gagel, Speik und Wegerich. Beiträge zur Landschafts- und Vegetationskunde
F. Bellin, B. Gehlken, K. H. Hülbusch, F. Lorberg, St. Novak, R. Plath, M. Poguntke, K. Protze, H. Weide.
(1999) DIN A5/220 S. (328g) (11,50 Euro)

Eine bunte Sammlung vegetationskundiger und landschaftsplanerischer Texte. Der Auftakt bildet die immer noch aktuelle Arbeit von K.H. Hülbusch zum Landschaftsschaden als Phänomen der Kulturlandschaft von 1967. Hier ist im wesentlichen der rote Faden landschaftsplanerischer Arbeit vorgedacht, Landschaft als Ausdruck der sie bedingenden und verändernden Aneignung durch den Menschen (Wittvogel, K.A. 1939). Gleichzeitig wird deutlich, wie Landespflege und Naturschutz marktschreierisch mal den ‚Schaden‘ verhindern, dann Rekultivieren, zur ‚Natur aus zweiter Hand‘ deklarieren, die dann als erhaltenswertes Phänomen stabilisiert werden soll oder aber in postmodernen Zeiten ebenso bedeutungsschwanger, wie ahnungslos in ein ästhetisiertes ‚land art‘ und ‚environment‘-project verwandelt wird. „Nur oberflächliche Menschen mißtrauen der sichtbaren Oberfläche der Dinge. Das Geheimnis liegt im Sichtbaren und nicht im Verborgenen“ hat Oscar Wilde mal geschrieben. Und so sind die Beiträge des Heftes dem Sehen (Giono, J. 1976) und dem Sichtbaren gewidmet, aus dem heraus ein Verstehen möglich ist. Gemessen an der traumtänzerischen professionellen Blindheit, die nicht sieht, aber immer auf der Suche nach fiktiven Tiefen ist, versammeln die vorliegenden Arbeiten solide vegetationskundige Beobachtungen und Bescheibungen, an die jeweils die Neugier des Verstehens geknüpft ist. Die Gegenstände wechseln, und sind z.T. ebenso schillernd, wie scheinbar exotisch. So reicht die Spanne der Texte von ‚profanen‘ Gegenständen, wie dem Grünland, dem Forst und dem Wald oder der unbeabsichtigten Vegetationsausstattung eines Stücks Straße, bis hin zu ausgefalleneren Kulturen und Phänomenen, wie etwa Speik, Oliven oder Gagel. So unterschiedlich die Gegenstände sind, so ist doch allen Texten gemeinsam, daß sie das Exotische im Licht des Bekannten betrachten und im Verstehen die Welt und ihre Erscheinungen einfacher darstellen (E. Erikson) anstatt sie zu verkomplizieren und zu partikularisieren (Tüxen, R.).

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